Verschenkte Chancen

Blogbeitrag von NAH, 12.01.2011

Die Lebenswirklichkeit heutiger Schülerinnen und Schüler wird vor allem auch von der selbstverständlichen Nutzung sozialer Medien wie Facebook oder SchülerVZ bestimmt.
Die Älteren beteiligen sich auch am sogenannten Bloggen oder an Wikis, schreiben also Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen auf jedermann oder bestimmten Nutzergruppen zugänglichen Internetseiten.
Jugendliche schreiben also freiwillig über Themen, an denen sie interessiert sind - eine ideale Voraussetzung, ihre Schreibfähigkeiten und Argumentationskunst auch in der Schule zu fördern. Sollte man meinen.

Leider sieht die schulische Realität heute noch sehr anders aus: Laut einer aktuellen Studie[1] der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien (LfM) zum Thema "Medienkompetenz in der Schule", wurden Blogs und Wikis von 80 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer noch nicht im Unterricht eingesetzt. Woran mag das liegen?

Zum einen bieten viele Schulen bis heute nicht die technischen Voraussetzungen für eine unkomplizierte Nutzung neuer, digitaler Medien, zum anderen sind "viele Lehrer (…) unsicher und haben Angst vor dem Kontrollverlust in der Klasse", denn viele Schülerinnen und Schüler kennen sich mit den digitalen Medien besser aus als ihre Lehrerinnen und Lehrer, meint Professor Andreas Breitner, Studienleiter der genannten Untersuchung. Schwierige Voraussetzungen also, aber sind Schwierigkeiten nicht dazu da, überwunden zu werden? Keine Lösung kann es sein, die Lebenswirklichkeit und Medienkluft zwischen Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften noch weiter auseinander driften zu lassen.

Besser ist es da auf jeden Fall, die Medienleidenschaft der heutigen Jugend anzunehmen und pädagogisch zu "gestalten". Wieso dann nicht Blogs und Wikis für ein Klassen- oder Schulprojekt nutzen? Schülerinnen und Schüler könnten Informationen recherchieren und Texte schreiben, argumentieren und überzeugen mit Texten lernen und auch mal das Urheberrecht an den eigenen Werken mit folgenden Fragen diskutieren:

Soll mein Text und mein Stil urheberrechtlich geschützt sein?
Beteilige ich mich an einem Wiki und bin bereit, dass meine Texte von anderen Nutzern geändert und weiterentwickelt werden dürfen?
Macht gemeinschaftliches Texten auch Spaß und Sinn?
Wie ist eigentlich die rechtliche Situation für Texte im Netz?
Neue Medien stellen die Schulen und das Lehrpersonal vor neue Herausforderungen, aber sie bieten vor allem auch Chancen, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Vielleicht sind dazu auch flachere Hierarchien und gegenseitiges Lernen nötig und folgende Sichtweise der Dinge: Den schnelleren, besseren technischen Durchblick haben die Schülerinnen und Schüler. Macht nichts, gutes Argumentieren und Texten können sie dann von den Lehrerinnen und Lehrern lernen. Gemeinsam entsteht ein interessantes digitales Produkt, wie ein spannender Blog oder ein gemeinsames Wiki.

Quellen

[1] Studie zur Medienkompetenz in Schulen
Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) aus 2010.
[www.heise.de | 05.03.2012 | 14:29]
Unterrichtsidee: Benjamin heute - Urheberschaft in digitalen Medien
Am Beispiel eines Aufsatzes von Walter Benjamin spielt die Unterrichtsidee didaktisch mit dem Verhältnis von Autor und Publikum. Die Schülerinnen und Schüler beginnen mit einer klassischen Lesung, an die sich eine individuelle Analyse und Rezension von Textauszügen anschließt. Als Verfasser der Rezension erfahren sie die Rolle des Urhebers und publizieren die Ergebnisse online.