Der Autor im Visier

Blogbeitrag von NAH, 20.04.2009

Neue Medien und neue Kulturtechniken rufen neue Konflikte hervor und bringen die bestehende Werteordnung ins Wanken, ja bedürfen vielleicht sogar einer Neubewertung bestehender Begriffe und Normen.
Im Angesicht der rasanten Weiterentwicklung digitaler Medien und ihren immer neuen Nutzungsvarianten vollzieht sich derzeit ein handfester Streit, in dessen Fokus die rechtlich und moralisch "richtige" Nutzung und Verwertung geistigen Eigentums steht.
Kampfbegriffe wie Freiheit, Grundrechte und Enteignung wurden in die Diskussionsarena geworfen. Es geht ums Eingemachte, Grundsätzliches steht auf dem Programm - sehen wir also genauer hin:

In einem "Heidelberger Apell" genannten Aufruf mit dem Titel "Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte"[1] hat das Institut für Textkritik ITK darauf hingewiesen, dass das in der Verfassung verbürgte "Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmte Publikation" derzeit nachhaltig bedroht ist. Der Apell, der von namhaften Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann, Siegfried Lenz, Alexander Kluge und anderen unterzeichnet wurde, fordert die Bundesregierung auf, "die Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre entschlossen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen."

Hintergrund des Auftritts der Schriftsteller und Autoren sind zweierlei Entwicklungen: Zum einen sehen sich die Autoren von internationalen Plattformen, die Musik und mittlerweile in immer größerem Stil auch Bücher in digitaler Form (eBooks) zur Verfügung stellen, in ihren Urheberrechten bedroht. Daneben hat die "Allianz der Wissenschaftsorganisationen" in einer Stellungnahme[2] gefordert, dass Forschungsergebnisse, die mit öffentlichen Mitteln erarbeitet wurden, auch durch "entgeltfreie Publikationen" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssten (Open Access Server). Über die Verwendung und Verwertung von Forschungsergebnissen sollten Wissenschaftler nach Meinung der Allianz also nicht mehr frei und unabhängig entscheiden.

Urheberschaft in digitalen Medien steht vor ganz neuen Herausforderungen, der Schutz geistigen Eigentums in Form von Texten und Forschungsergebnissen ist dem Druck der weltweiten Verwertungsmaschinerie ausgesetzt, in deren Logik Unabhängigkeit und Freiheit der Autoren vielleicht bald Begriffe einer veralteten Werteordnung sind. In einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau schreibt der Literaturwissenschaftler Roland Reuß[3]:
"Es ist ein seltsames Phänomen, wenn kulturelle Errungenschaften, [das Urheberrecht, NAH] die in einem langen Kampf institutionalisiert worden sind, kampflos preisgegeben werden sollen - bloß weil angeblich die Kräfteverhältnisse so sind, dass man ein wenig Mut zusammennehmen muss, gegen die Einkassierung aufzustehen.“

Forscher und Autoren werden sich also entscheiden müssen, ob sie sitzen bleiben oder aufstehen...

Quellen

[1] Heidelberger Appell
Im Wortlaut auf textkritik.de: Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte.
[www.textkritik.de | 13.03.2012 | 12:33]
[2] Im Namen der Freiheit
In der Frankfurter Rundschau Online hinterfragt Uwe Jochum die Forderung einiger Wissenschaftler nach freiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Erzeugnissen.
[www.fr-online.de | 13.03.2012 | 12:39]
[3] Enteignet die schamlosen Enteigner!
Der Literaturwissenschaftler Roland Reuß hält die Google-Pläne einer digitalen und frei zugänglichen Bibliothek für schamlos und äußert sich dazu in der Frankfurter Rundschau.
[www.fr-online.de | 13.03.2012 | 12:40]
Unterrichtsidee: Benjamin heute - Urheberschaft in digitalen Medien
Am Beispiel eines Aufsatzes von Walter Benjamin spielt die Unterrichtsidee didaktisch mit dem Verhältnis von Autor und Publikum. Die Schülerinnen und Schüler beginnen mit einer klassischen Lesung, an die sich eine individuelle Analyse und Rezension von Textauszügen anschließt. Als Verfasser der Rezension erfahren sie die Rolle des Urhebers und publizieren die Ergebnisse online.