Eroberung der Plagiate

Blogbeitrag von NAH, 16.03.2009

Als ich meinen Yogalehrer Anfang des Jahres in den Arm nehmen wollte, um ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen, bekam ich einen großen Schreck.
Ein Büschel des ohnehin schon lichter werdenden Haares fehlte, ein Auge feuerrot, die Stirn glänzte von Brandsalbe. Seine Silvesterfeier sei etwas in die Hose bzw. ins Auge gegangen, erzählte er; als er einen Feuerwerkskörper, der mehrere Raketen hintereinander abfeuern sollte, angezündet hätte, sei die Zündschnur gar nicht abgebrannt, sondern das Ding sei sofort losgegangen und ihm mitten ins Gesicht geflogen.
Was sind da unsere ersten Assoziationen? Fälschung, Plagiat aus China, fehlende Sicherheitsstandards.

Der Blick nach China greift zu kurz, wenngleich er beim Thema Plagiate absolut angebracht ist: Laut einer Erhebung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer VDMA[1] werden Plagiate zu 71 Prozent in China hergestellt, aber auch Deutschland ist mit 19 Prozent mit von der Partie. Es folgen Italien (14 Prozent), Taiwan (12 Prozent), Indien (11 Prozent), Korea (10 Prozent) und die Türkei (8 Prozent). Die Welt[2] berichtet unter Bezug auf eine Studie des VDMA, dass vier Fünftel der Unternehmen der Investitionsgüterindustrie bereits Opfer von Produktpiraterie geworden sind. Der geschätzte jährliche weltweite Schaden betrage bis zu 660 Milliarden Euro. In der Folge seien in Deutschland bis zu 70.000 und in Europa bis zu 300.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Um die wirtschaftlichen Schäden und Imageeinbußen durch fehlerhafte Plagiate einzudämmen, hat der VDMA der Produktpiraterie den Kampf angesagt und u.a. auf Messen einen anwaltlichen Notdienst eingerichtet, dem mutmaßliche Plagiatoren oder verdächtige „Fotografen“ gemeldet werden können. Der Verband informiert außerdem über Präventivmaßnahmen und hat die Kampagne „Pro Original“[3] ins Leben gerufen, die mit dem Slogan „Choose the original – choose sucess“ Käufer zum Kauf von Originalprodukten bewegen will. Laut einer Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zeigt sich allerdings, dass eine zunehmende Zahl von Menschen gezielt billige Nachahmungen kaufen, berichtet das Handelsblatt[4]. 67 Prozent der befragten Verbraucher rechneten aber auch mit Unfallrisiken, wenn sie Plagiate kaufen.

Hilfe zur Lösung des Problems scheint auch nicht von einer konsequenten Patentanmeldung zu kommen. Wie die Welt[5] berichtet, verzichten deutsche Maschinenbau-Unternehmen immer mehr auf die Anmeldung von Patenten, denn die Offenlegungsschriften, die 18 Monate nach Patentanmeldung einsehbar sind, können problemlos von Fachleuten verstanden werden. Demnach ist eine Patentanmeldung also mittlerweile u.U. sogar zu einem Risikofaktor geworden.
Licht am Ende des Tunnels könnte vielleicht ein Urteil eines Pekinger Gerichts bieten. Dieses hat den chinesischen Hersteller Zhongwei Passenger Bus zu einer Schadensersatzzahlung von umgerechnet 2,3 Millionen Euro verurteilt, weil dieser ganz augenscheinlich den Luxusreisebus „Starliner“ der Tochter Neoplan des Busherstellers MAN kopiert hatte. Mit der Klage von MAN ist laut einem Bericht des Handelsblattes[6] erstmals ein deutscher Hersteller gerichtlich gegen chinesische Kopierer vorgegangen. Dem Urteil wird angesichts der Höhe der Strafe Signalwirkung zugesprochen. Mittlerweile konnten z.B. auch Ferrero oder die Kaffeehauskette Starbucks und der Pharmariese Pfizer Patente erfolgreich in China einklagen. Wir blicken hoffnungsvoll gen Osten, denn: „Steter Tropfen höhlt den Stein!“

Quellen

[1] VDMA
Homepage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
[www.vdma.org | 13.03.2012 | 14:11]
[2],[5] Patent-Verzicht schützt vor China-Plagiaten
[www.welt.de | 13.03.2012 | 14:22]
[3] VDMA-Kampagne "Pro Original"
[www.vdma.org | 13.03.2012 | 14:24]
[4] Strategisch gegen Plagiate kämpfen
[www.handelsblatt.com | 13.03.2012 | 14:27]
[6] MAN gewinnt Plagiatstreit in China
[www.handelsblatt.com | 13.03.2012 | 14:27]
Unterrichtsidee: Original oder Fälschung? Mit kritischem Blick durchs Netz
Anhand einer Analyse und der Diskussion von Produktangeboten im Internet beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit möglichen Risiken des Einkaufens im Internet. Sie lernen bewusst und kritisch, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden.