Covern, Klauen, Komponieren

Blogbeitrag von DCA, 26.01.2012

Komponisten haben schon immer hin und wieder auf die Vorarbeit von Kollegen zurückgegriffen und sich bei ihrem kreativen Schaffen mit Variationen, Zitaten und Plagiaten weitergeholfen.
Im Popbusiness jedoch gehört dieses Phänomen mittlerweile schon fast zum Alltag. Da wird geklont und gecovert, dass die geistige Urheberschaft im Remake-Nebel unterzugehen droht.
Fragt man heute Jugendliche, von wem denn der Hit „American Pie“ stamme, so lautet die Antwort vermutlich: „Na, von Madonna!“ Für sie ist der Interpret des Titels auch gleich sein Komponist, da ihnen Don McLeans Originalversion unbekannt ist. Wohl jeder macht hin und wieder die Entdeckung, dass ein kompositorisches Genie bloß der Kopist eines bislang nicht bekannten Originals ist.

Vergleicht man die Dance-Version des Pink Floyd Klassikers „Comfortably numb“ von den Scissor Sisters mit dem Original, so springt einem nicht mal mehr die melodische Gleichheit ins Ohr, da sie von der Dynamik der Coverversion verdeckt wird. Wer nicht genau hinhört und den Text ausblendet, dem wird die geistige Verwandtschaft zwischen beiden Songs nicht bewusst.

Alles nicht so schlimm, das Abendland geht davon nicht unter, zumal es in den genannten Fällen rechtlich nichts zu beanstanden gibt: Die Komponisten werden im Booklet genannt und sind an den Tantiemen beteiligt, doch skeptisch sollte einen diese Verklärung der geistigen Urheberschaft schon stimmen. In fast allen Fällen des Coverns ist die Beziehung zwischen Kopie und Original aber offensichtlich, zumindest nach einer genauen Hörprobe.

Schwieriger wird es beim Melodie-Zitat, bzw. -Plagiat. Sicherlich gibt es auch in diesem Bereich leicht erkennbares Recycling wie z.B. beim Sampling. Aber nur bekannte Melodien werden bei diesem Klonverfahren auch im völlig neuen Kontext als Zitat erkannt, wie z. B. das von Madonna[1] in ihrem Song „Hung Up“ verwendete Sample des ABBA-Klassikers „Gimme Gimme Gimme“. Dem entsprechend hat sich die Pop-Diva zuvor auch die Rechte dafür von den Schweden besorgt. Das gleiche taten auch Coldplay, die für ihren Song „Talk“ ebenfalls eine melodische Anleihe tätigten, und zwar bei Kraftwerk („Computer Love“).

In beiden Fällen ist das Melodie-Zitat aufgrund der Simplizität des Motivs noch recht gut auszumachen, doch mit zunehmender Komplexität wird es immer schwieriger zu entscheiden, ob ein direkter Bezug vorliegt oder zufällige Analogie. Der amerikanische Gitarrist Joe Satriani hat kürzlich eine Urheberrechtsklage[2] gegen Coldplay eingereicht, da die Band „substanzielle Teile“ seines Instrumentals „If I could fly“ für den Hit „Viva La Vida“ verwendet habe.

Selbst fanatische Coldplay-Fans werden zugeben, dass Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen sind. Doch reichen die Übereinstimmungen aus, um den Plagiatsvorwurf hieb- und stichfest zu machen? Man muss den Angeklagten zugestehen, dass ihr Song eine melodische Variation zu Joe Satrianis Version darstellt. Kann man musikalisch klonen, ohne es zu wissen/wollen? Chris Martin, Sänger und Mastermind von Coldplay, behauptet zumindest, ihm sei die Idee zu „Viva la Vida“ nachts am heimischen Klavier gekommen.

Möglich und vorstellbar, dass Martins kreativer Geist durch unbewusst im Gedächtnis gespeicherte Melodiefetzen beeinflusst wurde, aber er kann die beanstandete Tonfolge auch ganz alleine ersonnen haben.
Wie beruhigend ist da doch die Meldung, dass es auf aktuellen Musikportalen Funktionen gibt, die Musikplagiate aufzuspüren vermögen: Kommt der individuelle Urheber auf der digitalen Datenautobahn gar nicht unter die Räder, sondern wird dort am Ende gerettet? Allerdings sollte man in diesem Zusammenhang Adorno nicht vergessen, der schon 1934 in seinem Aufsatz[3] „Musikalische Diebe, unmusikalische Richter“ das individuelle Original in der Musik kritisch hinterfragt.

Quellen

[1] MADONNA: ABBA geben Sample frei
[www.laut.de | 14.03.2012 | 11:08]
[2] Joe Satriani verklagt Coldplay wegen Plagiats
[www.tagesspiegel.de | 14.03.2012 | 11:10]
[3] Musikalische Diebe, unmusikalische Richter
Theodor W. Adorno: „Musikalische Diebe, unmusikalische Richter“. In: Impromptus, Frankfurt a. M. 1968, S. 131ff.
[www.suhrkamp.de | 14.03.2012 | 11:16]