Schlafanzug und Urheberrecht

Blogbeitrag von NAH, 25.11.2008

"Euer Film ist ja cool, aber findest du nicht, dass die Rüschchen an deinem Schlafanzug an den Hüften etwas zu sehr auftragen?" hatte Marius grinsend seine Mitschülerin Samira aus der Parallelklasse gefragt, woraufhin das kräftige Mädchen ihm kurzerhand eine gescheuert hatte.
Platsch – mitten ins Gesicht, die Wange war rot, Marius blamiert und es gab einen handfesten Streit auf dem Pausenhof.
Der Streit wurde in den Unterricht getragen, Samira und ihre Freundinnen waren aufgeregt und entsetzt und plapperten wild durcheinander: "Woher kennt der Typ unseren Film?" "Oh Gott, jetzt hat der mich im Schlafanzug gesehen, wie peinlich!" "Ej, voll ätzend, wer hat da den Blödmännern aus der Parallelklasse unseren Film gegeben?"

Wie sich – nach viel Beschwichtigung und tröstenden Worten für Samira – herausstellte, hatte Kevin, ein Junge der Filmgruppe, seine Leidenschaft fürs Marketing entdeckt und kurzerhand den Film, der im Rahmen des Lebenskundeunterrichts gedreht wurde, kopiert und munter für einige Euros unter die Leute gebracht. Absatzschwierigkeiten hatte er nicht, interessierten sich doch viele Schüler schon seit längerem für den Film. Die Meinungen der Kinder über Kevins "Tat" gingen weit auseinander und der Konflikt zeigte sich als guter Anlass, mit den Kindern über Urheberrechte zu sprechen.

Passend zum Thema berichtet die Süddeutsche Zeitung am 19.11.2008 in dem Artikel Der gläserne Zuschauer"[1]von der Verhaftung eines Raubkopierer-Duos, das in Dresden auf frischer Tat ertappt wurde, während es mit einer Videokamera den neuen James Bond Film in einer Kinovorführung mitfilmte. Laut der SZ, die sich auf eine Studie der Universitäten Weimar und Hamburg bezieht, entstanden der deutschen Filmindustrie im Jahr 2005 193 Millionen Euro Schaden durch illegale Kopien und Tauschbörsen, weltweit betrage der Schaden mehrere Milliarden. Berichtet wird außerdem von einem Duisburger, der wegen "…unerlaubten Vervielfältigens urheberrechtlich geschützter Bild- und Tonträger in 331 Fällen vom Amtsgericht zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden ist." Die aktuellen Fälle eigneten sich gut als Grundlage für eine Diskussion, mit dem Ziel, eine Lösung für den Streit zu finden.

Am Ende vieler Diskussionen kristallisierte sich unter den meisten Kindern folgender Konsens heraus: Natürlich ist es illegal einen Kinofilm mitzuschneiden. Da sind ganz klar die Urheberrechte verletzt worden und natürlich hat Kevin einen Fehler gemacht und darf nicht einfach den Film kopieren und vermarkten ohne die Filmgruppe zu fragen. Das ist doch ein gemeinsames Werk, darüber muss auch gemeinsam abgestimmt werden.

Kevin aber hielt dagegen: Ich habe schließlich mitgewirkt in dem Film, es ist also auch mein Werk und noch viel mehr, den Film zu machen war meine Idee, ohne meine Idee hättet ihr alle gar keinen Film - also darf ich ihn auch vermarkten.
Kann man also Urheberrechte teilen? Wer entscheidet eigentlich über gemeinsame Werke und ihre Vermarktung, wenn vorher die Rechtslage nicht geklärt wurde? Schnell findet man sich in einer handfesten Rechtsproblematik wider, aber spielen moralische Werte hier nicht auch eine Rolle?

Quellen

[1] Kampf gegen Raubkopierer
Die Süddeutsche über moderne Technik und drakonische Strafen gegen Raubkopierer.
[www.sueddeutsche.de | 14.03.2012 | 16:08]
Warum heißt der Bleistift "Bleistift"?
Kurzer Einblick in die Geschichte des Bleistifts auf der Webseite des Unternehmens Staedtler.
[staedtler.de | 14.03.2012 | 16:15]
Unterrichtsidee: Der Preis der Vision - Urheberschaft und Wertschöpfung
Indem sie den Aufwand für die Produktion eines Computerspiels aufzeigen, lernen die Schülerinnen und Schüler die Wertschöpfungskette eines Softwareunternehmens kennen. Die über eine Internetrecherche zusammengetragenen Aspekte des Themas Wertschöpfung werden in einer PowerPoint Präsentation dokumentiert und diskutiert.
Besitzverhältnisse
Blogbeitrag von RS über die nicht immer ganz einfache Klärung von urheberrechtlichen "Besitzverhältnissen".