Aus alt mach neu

Blogbeitrag von DCA, 30.04.2009

Überlegungen zum Thema Literatur und Neue Medien sind meist in die Zukunft gerichtet und mit Schlagwörtern wie E-Book, Hyperfiction oder Print-on-Demand verknüpft.
Ein besonderer Stellenwert bei der literarischen Nutzung des Internet kommt sicherlich dem Project Gutenberg[1] zu. Diese riesige, kostenfreie Literatur-Datenbank enthält gut 25.000 Werke von Autoren, deren Urheberecht ausgelaufen ist.
Doch die digitale Technik kann auch in den Dienst der Vergangenheit gestellt werden: Mit den Neuen Medien lassen sich etwa alte Handschriften, die aufgrund ihrer Empfindlichkeit sonst nur für Experten aus den Bibliothekstresoren geholt werden, der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Exemplarisch sei hierfür das Aberdeen Bestiary Project[2] genannt. Das Aberdeen Bestiarium ist eine mittelalterliche Prachthandschrift aus dem 12. Jahrhundert. Auf 103 Pergamentblättern schildert dieses illustrierte Tierbuch heimische, fremde und fabulöse Tiere (auch Steine) und stellt die ihnen zugeschriebenen Eigenarten in einen christlichen Zusammenhang.

Die Vorteile dieser E-Codices liegen auf der Hand: Da ist zunächst der allgemeine Benutzerzugang, von der Internet-Community auch unter dem Stichwort Demokratisierung des Wissens gefasst. Desweiteren werden die Handschriften digital gespeichert, so dass der Nachwelt beim Verlust durch natürlichen Zerfall oder einem Brand bzw. Einsturz der Bibliothek zumindest eine Kopie des Buches erhalten bleibt. Ferner ist die Lektüre des digitalen Pergaments für viele Forschungsprojekte wissenschaftlich vollkommen ausreichend, so dass das empfindliche Original zudem geschont wird.

Mediävistisch nicht geschulte Nutzer des Online-Bestiariums lernen sehr schnell noch eine weitere Eigenschaft schätzen. Denn dem Laien fällt die Lektüre mittelalterlicher Hand-schriften häufig nicht leicht: Neben sprachlichen Hürden bei z.B. lateinischen Texte gilt es auch graphische Hindernisse wie schwer lesbare Schriftarten und Initialen (Zierbuchstaben) zu überwinden, die einem Ungeübten schnell das Lesevergnügen vergellen können. Beim digitalen Aberdeen Bestiarium lassen sich diese Schwierigkeiten durch beigefügte Transkription und Übersetzung problemlos umschiffen. Zudem liefert der Kommentar dem Online-Leser hilfreiche Verständnishinweise, die er sonst mühsam in der Sekundärliteratur suchen müsste. Sicherlich: Wer einmal in einer mittelalterlichen Handschrift blättern und lesen durfte, wird Walter Benjamins Feststellung zustimmen, dass es der Replik am Auratischen des Originals mangele.[3]
Doch gibt es im Falle der meisten antiken und mittelalterlichen Kodices zur Online-Lektüre so gut wie keine Alternative: Wenn auf dem Buchmarkt vorhanden, kauft man entweder eine teure Faksimile-Ausgabe oder investiert wie Bill Gates[4] 30,8 Millionen US-Dollar, um sich einen Codex ins heimische Bücherregal stellen zu können.

Quellen

[1] Project Gutenberg
"Diese riesige, kostenfreie Literatur-Datenbank enthält gut 25.000 Werke von Autoren, deren Urheberecht ausgelaufen ist."
[www.gutenberg.org/ | 21.02.2012 | 10:23]
[2] Aberdeen Bestiary Project
"Das Aberdeen Bestiarium ist eine mittelalterliche Prachthandschrift aus dem 12. Jahrhundert. Auf 103 Pergamentblättern schildert dieses illustrierte Tierbuch heimische, fremde und fabulöse Tiere (auch Steine) und stellt die ihnen zugeschriebenen Eigenarten in einen christlichen Zusammenhang."
[www.abdn.ac.uk | 21.02.2012 | 10:31]
[3] Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften I, Frankfurt/M. 1977, S. 136-169.
[4] Hobbysammler Bill Gates
1994 ersteigerte Bill Gates den Codex Leonardo da Vincis für seine Privatsammlung.
[www.spiegel.de | 21.02.2012 | 10:42]