Von Martial zu Proudhon

Blogbeitrag von DCA, 21.01.2009

Die Sorge um das Original sei so alt wie die menschlichen Kulturen, schreibt PG in seinem Beitrag „Klonen kann sich lohnen...“[1]. Aber nicht immer geht diese Wertschätzung mit einem copyright-Bewusstsein einher oder anders formuliert: Der Mensch bastelt schon immer gerne mit Ideen anderer.
Als frühes Beispiel für die Beanspruchung geistiger Urheberschaft kann der Vorwurf des römischen Dichters Martial angeführt werden, den er in einem seiner Epigramme formuliert. Er klagt darin, dass irgendein literarischer Dilettant ein Gedicht von ihm geraubt und es als sein eigenes vorgetragen habe. Da seine Verse zum Sklavendienst gezwungen worden seien, beschimpft er den Dieb als Menschenräuber (plagiarius)[2].
Martial ist eine Art antiker Bestsellerautor und so lässt sich wohl auch der Versuch erklären, als Verseräuber an seinem Erfolg teilzuhaben. Der Begriff Plagiat/Plagiator geht sprachgeschichtlich auf diesen poetischen Vergleich zurück.

Ein anderes Phänomen, sich das Renommee eines Autoren zu Nutze zu machen, ist die so genannte Pseudepigraphie[3]: Immer wieder werden in der Antike und im Mittelalter Werke nicht unter dem eigenen Namen veröffentlicht, sondern als Text eines anerkannten Denkers, Propheten oder Theologen herausgegeben. So steigert man die Wirkung und schützt sich zugleich gegen den Vorwurf der Häresie.

Bei diesen Fälschungen geht es nicht um finanzielle Interessen, sondern um die Verhandlung theologischer und philosophischer Anliegen. Es mag absurd klingen, dennoch ist dieses Vorgehen häufig mit einer hohen Wertschätzung vor dem Original, der Autorität verbunden, obwohl es aus heutiger Sicht einen klaren Affront gegen das Urheberrecht darstellt.

Paradox geht es auch bei Proudhons berühmtem Motto „Eigentum ist Diebstahl“ zu. Es stammt nämlich gar nicht vom Vordenker des Anarchismus, sondern ist ein Bonmot des französischen Revolutionärs Jacques Pierre Brissot. Doch indem das kulturelle Gedächtnis Proudhon zum geistigen Urheber dieses Satzes macht, wird damit nur die Richtigkeit der Aussage unter Beweis gestellt.
Fazit: Nicht immer ist mit der Sorge um das Original auch ein Urheberrechtsbewusstsein verknüpft, und manchmal bastelt sich die Gesellschaft aus einem Plagiat durch kollektive Zuschreibung ein Original.

Quellen

[1] Lohnenswertes Klonen
Der Blogbeitrag thematisiert die Bedeutung von Kopien für den Kulturbetrieb der modernen Gesellschaft.
[2] Plagiat
Deutscher Wikipedia-Artikel zum "Plagiat".
[de.wikipedia.org | 21.02.2012 | 14:30]
[3] Pseudepigraphie
Informationen zum Phänomen der Pseudepigraphie in Anlehnung an das Lexikon des Mittelalters.
[www.fantomzeit.de | 21.02.2012 | 14:36]
Schutz geistigen Eigentums
„Diebstahl. Geistiges Eigentum schützen zu wollen ist paradox.“ In: Die Zeit, Nr. 6 vom 29.1.2009, S. 47.
Unterrichtsidee: Original oder Fälschung? Mit kritischem Blick durchs Netz
Anhand einer Analyse und der Diskussion von Produktangeboten im Internet beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit möglichen Risiken des Einkaufens im Internet. Sie lernen bewusst und kritisch, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden.