Barocke Riesen

Blogbeitrag von KHS, 21.11.2008

Zwischen 1570 und 1720 gelingen den Menschen bedeutende Erfindungen, die den technischen Fortschritt besonders in Europa beflügeln und zu qualitativ neuen Ein- und Aussichten führen.
In der technischen Literatur dieser Zeitepoche kann man lesen, dass das Mikroskop (1590) die "Einsicht" in den Mikrokosmos ermöglichte und das 1604 erfundene Fernrohr die "Aussicht" auf die Gestirne maßgeblich mitbestimmte.
Ganz zu schweigen von der Entdeckung, dass man nicht nur mit dem Federkiel mathematische Reihen addieren oder subtrahieren konnte; die 1652 erschaffene einfache Rechenmaschine konnte es um ein Vielfaches schneller und mit geringerer Fehlerquote. Wir alle kennen noch den krönenden Abschluss jener Technikepoche - die erste brauchbare Dampfmaschine, die zur Revolution in den damit entstehenden Industrien aufforderte. Endlich! Der Menschheit steht eine Antriebsmaschine zur Verfügung.

Wenn auch die barocke, höfische Kulturepoche ihre Blütezeit überschritten hatte, so war man doch geneigt, diese technischen "Riesen" zu fördern. Statt der antiken Sammlungen begann man bei Hofe sich auch so manchen Techniker und Naturwissenschaftler zu "halten" und Universitäten zu fördern, um ihre Dienste nutzbar zu machen. Erinnert sei an Ludwig XIV, August den Starken von Polen, Peter den Großen von Russland und last but not least an Friedrich den Großen von Preußen.

Für unsere Tage ist diese Zeit in technischer Hinsicht recht lehrreich, denn sie beweist uns, wie wichtig auch die gebildete Persönlichkeit für den technischen Fortschritt in einer sich entwickelnden Zivilgesellschaft sein kann und muss. Herrschsüchtigkeit und Prachtliebe waren in der Renaissance treibende Kräfte, die die Technik und Naturwissenschaften mit voranbrachten.

Die technischen "Wunderwerke" behütete man bei Hofe wie den Augapfel, aber die technische Weiterentwicklung und -verbreitung konnte man nicht aufhalten. Die "Riesen"- die völlig neuen Produktivkräfte - schufen die Vorrausetzung für die Bürgerlichen Gesellschaften in Europa.
Spätestens jetzt gab es die Dringlichkeit, technische Patente in Schutz zu nehmen. Am 1. Juli 1877 wurde das Kaiserliche Patentamt in Berlin gegründet und das Patentgesetz trat in Kraft. Endlich können geistiger Diebstahl und Kopien juristisch geahndet werden.

Quellen

Dialektik der Natur
Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, Dietz Verlag, Berlin, 1959, S. 8. "Engels schrieb über die Renaissance: "Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit…“
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