Millionen für "Dreigroschen"

Blogbeitrag von KHS, 11.11.2008

Das 20. Jahrhundert kennt das Urheberrecht. Darum nimmt man an, dass Schriftsteller, Maler, Kulturschaffende, Wissenschaftler etc. sich ihrer eigenen Ideen bedienen und nicht mehr wie im 18. Jahrhundert frei plagiieren.
Denn in jener Schaffensperiode galt der freie Grundsatz: "Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente." [1]
Mag sein, dass Fontane das subjektiv so einschätzte und keinen Anstoß am Plagiat nahm. Der Kenner des historischen Zeitabschnitts wird vermerken, dass Plagiate zu Fontanes Zeiten kaum lukrative Geschäfte inszenierten. Die gezahlten "Hungergagen" reizten nur zum Widerspruch, keiner erdreistete sich, juristisch gegen einen Kollegen vorzugehen. Natürlich schrieb man an so manchen Plagiator bissige Briefe und machte sein Plagiat im inneren Zirkel publik, so dass der geistige Diebstahl offenkundig wurde und der Plagiator die Schmach zu erdulden hatte. Es dauerte nicht lange und der nächste geistige "Diebesakt" nahm seinen Lauf.

Die Autoren des Onlinekurses "Fremde Federn Finden"[2] vermerken, dass Shakespeare wohl fast alle seine Werke bei anderen "ausgeborgt" hat. In der Literatur wird sogar davon gesprochen, dass die Quellen von 31 der 32 Werke bereits gefunden worden sind, und dass man nicht denkt, dass das 32. tatsächlich von Shakespeare selbst stamme, nur weil dass die Quelle noch nicht gefunden hat.“

Wie bereits bemerkt, bestand zu jener Zeit kein juristischer Schutz des geistigen Eigentums. Das änderte sich bekannterweise spätestens im 19. Jahrhundert mit einem "allgemeinen Urheberrechtsschutz". Mit diesem amtlichen Akt wusste jeder, dass er sich eigentlich mit dem Diebstahl geistigen Eigentums strafbar machte, was aber in dieser Zeit über Ländergrenzen hinaus nicht nachzuvollziehen war. Die Folge der geografischen und kommunikatorischen Lücken wurden also weiter genutzt. Was in Deutschland oder Frankreich geschrieben war, musste noch lange nicht im anderen Land bekannt sein.

Zu den Meisterstücken des Plagiierens gehört daher wohl auch die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht[3]. Brecht, der selbst genaustens auf das Kopieren seiner Texte achtete, hat wohl viele Balladen in seiner Dreigroschenoper einer deutschen Übersetzung des französischen Dichters Villon entnommen, die von K.L. Ammer erstellt worden ist. Alfred Kerr hat diesen Sachverhalt aufgedeckt und veröffentlicht.
Setzt man die nicht gezahlten "Dreigroschen" ins Verhältnis zum erzielten finanziellen Gewinn Brechts und seiner Erben, dann versteht man die juristischen Mühen des Urheberrechts.

Quellen

[1] Theodor Fontane
"Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente," soll Theodor Fontane einst gesagt haben.
[2] Fremde Federn finden
Diese E-Learning Einheit widmet sich dem Thema "Plagiat in der Literatur".
[plagiat.htw-berlin.de | 27.02.2012 | 14:45]
[3] Dreigroschenoper
Berthold Brecht: Die Dreigroschenoper, 1928.
[www.amazon.de | 27.02.2012 | 14:49]