Abgeschrieben

Blogbeitrag von KHS, 15.10.2008

Irgendwann in den 60-er Jahren schleicht ein kleiner Junge mit Interesse für Comics und schnelle Autos im elterlichen Haus herum und sucht nach dem Buch, das seine Eltern und Geschwister stets zur Morgen- und Abendstunde zur Hand nehmen und lesen.
Mit großer Neugier greift er nach dem abgegriffenen Buch und beginnt zu lesen.
Die Faszination der Bibel lässt Bart D. Ehrman auch als Erwachsener nicht los, so dass er die Entstehungsgeschichte genauer in Augenschein nimmt. Zur Zeit der Entstehung der Bibel schreibt Ehrmann, „verehrte man Götter mit rituellen Opferhandlungen. Es gab keine Lehren, die man aus Büchern hätte lernen können und fast keine ethischen Prinzipien, die man in Büchern hätte lesen können.“

Natürlich gab es vor 2000 Jahren Glaubensvorstellungen die hauptsächlich sprachlich überliefert wurden; Mundpropaganda war der gängige Informationsweg. Das „Buch“ an sich hatte nur geringe Bedeutung und die wenigsten Menschen waren überhaupt des Lesens und Schreibens kundig. Die wenigen, die des Schreibens mächtig waren, begannen die Erzählungen, Gedichte und Geschichten niederzuschreiben. Kopisten erstellten handschriftliche Kopien davon, die auch lokale und regionale Interpretationen zuließen. So fällt es aus wissenschaftlicher Sicht schwer, auf das Original zu verweisen. „Ist es dann möglich, dass der Schreiber an manchen Stellen die falschen Worte schrieb? Wenn dem so wäre, enthielt die Urschrift des Briefes (d. h. das Original) bereits einen Fehler; alle folgenden Abschriften wären also nicht die Worte des Paulus gewesen“, vermerkt Ehrmann.

Niemand konnte in der frühen historischen Phase auch nur vermuten, dass sich aus den nur vereinzelt publizierten Kopien die größte „Buchreligion“, das Christentum, entwickeln würde. Wenn man die Bücher von Ehrmann liest, versteht man schnell, wie stark Mundpropaganda und Kopien die Entstehung dieses Werkes geprägt haben. Im Zeitalter von digitaler Mundpropaganda sollte man sich also neben seiner Verantwortung auch immer der „Veränderungen“ und „Missverständnisse“ seiner Darstellungen bewusst sein.
Prof. Bart D. Ehrman ist ein anerkannter, aber durchaus auch streitbarer US-amerikanischer Religionswissenschaftler. Er ist Direktor des Departments of Religious Studies an der Universität von North Carolina und Experte für die Geschichte des Neuen Testaments und der früheren Kirche sowie der Leben-Jesu-Forschung.

Quellen

Bart D. Ehrmann
Biografie und Publikationen des Professors Bart D. Ehrmann.
[www.bartdehrman.com/ | 27.02.2012 | 16:30]