25 farbige Marilyns

Blogbeitrag von FSJ, 15.07.2009

Ein karger Raum voller Porträts von der Pop Art–Ikone Andy Warhol. Allesamt starren sie mit der selben stummen Mimik am Betrachter vorbei, versteckt hinter der typischen, dunklen Sonnenbrille und einer weißblonden Perücke.
Vielleicht sind sie unterschiedlich schreibunt, wie seine berühmten Reproduktionen des Marilyn Monroe Porträts. Es spielt keine Rolle. "Ich fertige sie in jeder Farbe, solange sie nur zu den Gardinen passen", soll er[1] über eine andere Bildreihe gesagt haben.
Hätte Warhol selbst in einem solchen Raum gestanden, wäre er nicht aufgefallen. Still, scheu und fast mechanisch hätte er sich in den Raum eingefügt. Er hätte wahrscheinlich sogar Gefallen daran gefunden. "Schauen Sie ruhig auf die Oberfläche meiner Bilder und meiner Filme und auf mich selbst, und dort bin ich. Nichts ist dahinter."[2] Wo jeder nach seiner Individualität, nach Originalen schreit, scheint es Warhol völlig gleich. Der Künstler, der zunächst ein erfolgreicher Werbegrafiker war, der für "Glamour" und andere Magazine arbeitete, hat seine Werke an die Konsumgesellschaft im Amerika der sechziger Jahre angepasst. In seinen "factory" genannten Ateliers, verschiedenen Fabrikhallen quer über New York verteilt, produzierten er oder seine Mitarbeiter riesige Bildreihen mit dem immergleichen Motiv. Seien es Zeitungsausschnitte mit Unfällen und Katastrophen oder Blumen und Suppendosen. Sie druckten oder malten die Motive gleich emotionslos. Genormte Gemälde aus Massenfertigung, mit liebevollen Namen, wie "Fünfundzwanzig farbige Marilyns" oder "Dreifacher Elvis".

Alles wiederholt sich plakativ. So, wie auch wir nicht mehr schlucken, wenn wir von einem Autounfall mit drei Toten lesen. Oder, wie wir die hundert grinsenden Familien, die uns allmorgendlich in der U-Bahn auf Werbeplakaten begegnen, kaum mehr wahrnehmen. Eigentlich müssten wir nun zu der Frage kommen: Was oder wer ist denn heutzutage noch Original?

"Ich liebe L.A. Ich liebe Hollywood. Sie sind schön. Jeder ist Plastik – aber ich liebe Plastik. Ich möchte Plastik sein"[3], sagte Warhol, womit der die Frage nur zu deutlich beantwortet. Seinem Ideal nach, das er nach außen hin vorgab, sind alle Menschen gleich, funktionieren wie stumme Maschinen. Er inszenierte sich selbst zu einem seiner ausdruckslosen Kunstwerke, verzerrte kaum den Mundwinkel, wenn einer seiner Mitarbeiter starb. Doch, darf man seinen Tagebuchaufzeichnungen Glauben schenken, so litt auch er an Vereinsamung und klagte über die Angst vor Krankheiten. Wäre es unmenschlich hier im Sinne der Menschlichkeit hoffnungsvoll aufzuatmen? Denn wie langweilig wäre die Welt, wäre sie Pop Art?
Um diese Kunst gutheißen zu können, müssten wir alles an ihr als Kritik sehen. Eine Kunst, die den Menschen ihre langweilige Konsumgesellschaft plakativ vor die Nase hält. Doch bleibt immer der fahle Beigeschmack, dass es ernst gemeint sein könnte. Denn, es ist erschreckend, in wie vielen Hochglanz-Büros und Wohnzimmern Warhol seinen Platz findet. Spätestens, wenn wir uns das Lächeln seiner Marilyns einprägen und es mit dem der Gastgeber vergleichen.

Tina Gebler

Quellen

[1] Andy Warhol
[de.wikipedia.org | 21.03.2012 | 19:34]
[2] Weltgeschichte der Kunst
Hugh Honour, John Fleming: Weltgeschichte der Kunst, Prestel, München, 2007.
[3] Kult des Künstlers. Celebrities. Andy Warhol und die Stars.
Abgeschrieben und übersetzt in der Ausstellung: Hamburger Bahnhof, Berlin: Kult des Künstlers. Celebrities. Andy Warhol und die Stars.
Kunst des 20. Jahrhunderts
Walter, Ruhrberg, Schneckenburger, Fricke, Honnef: Kunst des 20. Jahrhunderts.
[/www.amazon.de | 21.03.2012 | 19:38]