Macht der Gänsefüßchen

Blogbeitrag von FSJ, 07.07.2009

Da sitzen sie, der Philosoph und der Schüler. Der erste ein paar Jahrhunderte zuvor an einem bedeutenden Werk schreibend. Der zweite heute, verzweifelt nach Inhaltsstoff für seine Facharbeit suchend.
Die beiden hängen ihren Gedanken nach.
„Mein Haus, mein Garten, mein Auto – meine Gedanken?“. Ja. Was im Kopf herumschwirrt gehört einem allein. Wie sollte auch ein anderer Anspruch darauf erheben. Aber sobald die geistige Flut das Hirn verlässt?

Im Falle des Philosophen: Aus seinen Gedanken entsteht seine Erkenntnis und dann ist es seine Theorie, die er zu Papier bringt. Seine Schöpfung, sein Werk. Er ist der Urheber – mit allen Ansprüchen. Ebenso, wie dem Künstler sein Bild gehört, einem Komponisten seine Melodie.

Der Schüler hingegen befindet sich bei seiner Suche auf dünnem Eis. Noch stottert er seine Überlegungen zum Thema dahin. Doch dann, sein Blick fällt auf den Text des besagten Philosophen, beginnt er zu kopieren.

Am Rande des Plagiats

Der Schüler steht am Rande eines Plagiats, ist kurz davor, fremdes Eigentum als sein eigenes auszugeben. Damit würde er gegen Urheberrechtsbestimmungen verstoßen und natürlich auch gegen Prüfungsordnungen. Denn wer fremde Gedanken in einer wissenschaftlichen Arbeit als die eigenen ausgibt, muss damit rechnen, dass sein Text nicht anerkannt wird – und das kann in mehr Ärger als nur einer schlechten Note münden.

Wie leicht ist es doch, in Zeiten des grenzenlosen und oft so anonymen Internet ein Plagiat zu begehen. Aber darum geht es nicht. Das Problem geht über die Schule hinaus. Es ist ein moralisches. Kann der Schüler es vertreten, die Schöpfung eines anderen für die eigene auszugeben? Eine dreiste Lüge, die noch wie ein Kavaliersdelikt erscheint. Doch wie wird es später sein, bei größeren wissenschaftlichen Arbeiten, als Journalist, Autor, Künstler, wenn Ruhm und Geld nicht auf dem eigenen, sondern auf fremdem Gedankengut basieren?

Gedanken sind nicht greifbar, sie sind nicht beweisbar. Wer will sagen können, ob Philosoph und Schüler nicht unabhängig voneinander gleiche Ideen gehabt haben? Doch was zählt, ist nicht der Gedanke, sondern dessen Ausdruck. Ein Plagiat wird an einem Werk, nicht am Gedanken selbst begangen. Die Worte, die der Schüler so beflissen kopiert, bleiben die Schöpfung des Philosophen. Er ist es, der diese Theorie so veröffentlicht hat.

Zitat Ende
Nichts spricht jedoch dagegen, die Gedanken anderer zu nutzen. Wozu sonst würde der Philosoph sein Werk schreiben, wenn nicht, um anderen Zugang zu seinen Gedanken zu gewähren. Was also tut der Schüler, wenn er für das, was er ausdrücken will, keine besseren Worte findet als der Philosoph? Er zitiert. Anführungszeichen unten, Text, Anführungszeichen oben. Zitat Ende. Dafür gibt es feste Regeln. Die zitierte Stelle sollte kurz sein und muss genau übernommen werden. So schwierig das Plagiat an sich zu definieren ist, umso klarer sind die Regeln für Zitate. Und das ist gut, denn so kann der Schüler eindeutig zeigen, dass er sich zur Theorie des Philosophen seine eigenen Gedanken gemacht hat. So sitzt er und schreibt, seine Gedanken, sein Eigentum. Es sind zwei mal zwei Gänsefüßchen die den Unterschied zwischen Plagiat und Zitat, zwischen Lüge und wissenschaftlicher Arbeit ausmachen.

Nele Fischer

Unterrichtsidee

Erfolgreich Publizieren - Urheberschaft in digitalen Medien
Über das Schreiben einer Rezension werden die Schülerinnen und Schüler selbst Urheber und erleben Urheberschaft in einem individuell gestalteten Prozess. Sie lernen dabei den verantwortungsvollen Umgang mit fremdem Material und erkennen den Wert geistigen Eigentums.