Leben auf Repeat?

Blogbeitrag von FSJ, 05.05.2009

Die moderne Medienwelt - flüchtig und wiederholbar? Passt sie deshalb so perfekt in das westliche Lebenskonzept des 21. Jahrhunderts, oder begründet sie dieses erst?
Ob man Flüchtigkeit als Fluch oder Segen bezeichnen will, bleibt einem selbst überlassen - doch sollte man bei der Bewertung nicht die einhergehenden Folgen dieser Flüchtigkeit außer Acht lassen.
So findet theoretisch betrachtet ja oft nur dann ein Fortschritt statt, wenn diese Flüchtigkeit vorherrscht und man diese Flüchtigkeit in dem Synonym "vorübergehend" versteht. Beständigkeit, als Gegenteil betrachtet, vermittelt den Eindruck, nur ungern und selten revolutionären, spontanen Umbruch und Fortschritt zuzulassen.

Das komplette digitale System der Gegenwart vermittelt diesen Hauch von Flüchtigkeit, ist doch das Word-Dokument durch wenige Klicks schneller seiner Existenz beraubt, als ein gegenständlicher Brief im "Leben 1.0" vernichtet ist. Auch dies ist wahrscheinlich der Grund, weshalb Urheber im digitalen Raum immer noch Schwierigkeiten haben, sich und ihre Glaubhaftigkeit und Wissenschaftlichkeit gegenüber gedruckten Werken zu behaupten. Die Sicherheit, die man mit dem Buch im Regal hat, ist beim Inhalt einer Website nun einmal nicht immer gegeben.

"Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" sagt ein deutsches Sprichwort. Im heutigen Datenstrom freut man sich fast über die Materialität und Haltbarkeit dieses Mediums. Das Wort "Zeitung" könnte man eins zu eins durch "Website" ersetzen, ist es doch nicht einmal mehr ein Extremfall, wenn der Inhalt von gestern heute nicht nur überholt, sondern überhaupt nicht mehr vorhanden ist. "This website is no longer available."

Die Wiederholbarkeit, die im Netz aufzutreten scheint, ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Während es zur Verbreitung von analogen Schriftstücken in größerer Menge in kurzer Zeit immer noch vieler Exemplare bedarf, kommt das Internet immerhin mit einem Exemplar, auf das viele gleichzeitig zugegreifen können, aus. Dank der wohl raffiniertesten Errungenschaft des digitalen Zeitalters, der Funktionen "Copy" und "Paste" können die selben Inhalte dann in den verschiedensten Zusammenhängen wieder auftauchen - der Urheber bleibt im Ungewissen über den Verbleib seines Geistesgutes im digitalen Datendschungel. Lediglich die Suchmaschine listet unschuldig die Seiten auf, auf die sich die Inhalte in betreffender Wortwahl nicht selbstständig verlaufen haben können.
Der Urheber im digitalen Raum kann sich darum jedoch nicht kümmern, denn der flüchtige Strom aus "breaking news" und "latest trends", bei dem es mitzuhalten gilt, schläft nicht.

Unterrichtsidee

Benjamin heute - Urheberschaft in digitalen Medien
Am Beispiel eines Aufsatzes von Walter Benjamin spielt die Unterrichtsidee didaktisch mit dem Verhältnis von Autor und Publikum. Die Schülerinnen und Schüler beginnen mit einer klassischen Lesung, an die sich eine individuelle Analyse und Rezension von Textauszügen anschließt. Als Verfasser der Rezension erfahren sie die Rolle des Urhebers und publizieren die Ergebnisse online.