Rufmord im Netz

Blogbeitrag von FSJ, 31.10.2008

Zettel unter der Bank durchgeben war gestern – was früher die Klasse als Publikum der neusten Gerüchte war, ist heute das vernetzte Millionenpublikum im Internet.
Die Anonymität zieht die Publizisten dabei schnell aus der Verantwortung, die das Veröffentlichen einer persönlichen Meinung eigentlich mit sich bringt.
„Hier bei K. und M. werdet ihr nur betrogen. Erst machen sie auf gute Freunde, denn treten sie dir in den A**** und fälschen Rechnungen! Unbedingt meiden!“

Nein, bei diesem Zitat handelt es sich nicht um ein Straßen- oder U-Bahngespräch, das man zufällig mithört, sondern um den Eintrag auf einer Internetseite, deren „Service“ darin besteht, als Nutzer auf einem Satellitenbild mit eingezeichneten Straßennamen seinen ganz persönlichen Kommentar direkt auf die genaue Adresse des mehr oder weniger geliebten Nachbarn setzen zu können. Bei oben gewähltem Beispiel handelt es sich dabei noch um einen milden Kommentar, wenn man vergleichsweise wahllos ausgewählte andere Posts studiert.

Das schockierende System riecht für mich nach einem Selbstversuch. Nach der Registrierung auf der Seite werde ich mit einer fiktiven Identität einen vorsorglich harmlosen Kommentar auf meine Adresse setzten, um später zu versuchen, diesen wieder als der symbolisch „Betroffene“ unter meiner wahren Identität zu entfernen. Schnell habe ich meine Adresse mit der einfachen Suchfunktion gefunden und kann meine Gegend als Satellitenbildkarte anzeigen. Auch in meinem Block gibt es mehrere Posts, u.a. über einen angeblich diebischen Hauswart und eine Bewohnerin, die als Prostituierte beschimpft wird. Mit einem Klick habe ich mein Haus markiert. Die Registrierung mit meiner fiktiven Identität verläuft problemlos. Ich muss mir lediglich einen Benutzernamen und ein Passwort ausdenken, sowie meine E-Mail-Adresse angeben. Direkt unter dem Usernamen kann ich schon das Kästchen „Do not ever display my username on posts or in my profile“ markieren. Mit dem Eingeben der erfundenen (und natürlich ungültigen) E-Mail-Adresse und einem Passwort ist die Registrierung meiner falschen Identität komplett. Eine Verifizierung meiner E-Mail-Adresse ist nicht nötig.

Nun kann ich völlig anonym jegliche Bemerkung wie ein virtuelles Werbebanner direkt auf mein Hausdach stellen. Was ich schreibe, bleibt völlig mir überlassen. Meine Kollegen raten mir zu „Vorname Name hört laute Musik bis in den frühen Morgen.“ Ich trage den Kommentar ein, dazu habe ich die Möglichkeit, ein Bild aus meinen eigenen Dateien hoch zu laden. Beispielhaft und zum Selbstschutz fällt die Entscheidung auf das Photo eines Mannes, der sich die Ohren zuhält. Zeigt man nun die Karte meiner Gegend an, befindet sich eine rozte Markierung auf der Höhe meiner Hausnummer, das beim Anklicken den Kommentar und das hochgeladene Bild zeigt. Jeder Besucher der Seite kann ohne angemeldet zu sein diese Information sehen. Mit einer weiteren, schnell registrierten „Fake-Identität“ poste ich die aussagekräftige Bemerkung „Stimmt!“ zum Eintrag, um diesen noch glaubhafter zu machen. Als Verfasser eines Eintrags kann ich diesen auch wieder entfernen, als Betroffener besteht für mich nur die Möglichkeit „Flag for Removal“ (dt.: “Entfernen beantragen“) anzuklicken, was ich natürlich nutze. Ich muss meinen Namen, meine E-Mail-Adresse und einen Grund angeben. Als Antwort erhalte ich die Nachricht, dass der Antrag binnen 30 Tagen bearbeitet wird. Ich werde über die weiteren Entwicklungen berichten.

Durch die (scheinbare) Möglichkeit der absoluten Anonymität ist der Mangel an Verantwortungsgefühl nicht verwunderlich. In keinem „Post“ konnte ich den vom Betreiber proklamierten Sinn des Angebots wie „Hilfe bei der Immobiliensuche, Kennenlernen der eigenen Nachbarschaft, soziale Vernetzung der Nachbarn“ erkennen; stieß lediglich auf Beleidigungen auf unterstem Niveau, sowie pauschalisierende Aussagen und geschäftsschädigende Bemerkungen von Einzelpersonen zu Serviceeinrichtungen (Schlechte Beratung in Geschäften etc.). Innerhalb von wenigen Minuten kann man eine beliebige (Fehl-)Information mit personenbezogenen Daten anonym veröffentlichen.
P.S.: Der Post meines Selbstversuches ist (trotz sofortigem „Flag for Removal“) zu diesem Zeitpunkt 4 Stunden online. In manch anderem Fall vielleicht schon lange genug, um eine persönliche Existenz zu zerstören. Auch 24 Stunden später ist der Eintrag noch online; lediglich das Bild wurde schon gelöscht.

Cyber-Mobbing

Unterrichtsidee: Bekloppt Gemobbt - Mit Rudi dem Biber Cyber-Mobbing auf der Spur
Eingebettet in eine kindgerechte Fantasiewelt bietet die Geschichte „Rudi und Wolle“ den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich mit der notwendigen Distanz dem Thema Cyber-Mobbing zu nähern. Sie machen sich mit vielfältigen Formen des Cyber-Mobbings vertraut und erarbeiten praktische Regeln für das eigene Verhalten.
Hintergrund: Cyber-Mobbing - Gemeinsam für ein faires Miteinander
Cyber-Mobbing - das absichtliche Beleidigen oder die gezielte Ausgrenzung, Bedrohung und Demütigung anderer mithilfe digitaler Medien über einen längeren Zeitraum. Laut aktueller Studien gehören zu den Betroffenen und Tätern zunehmend Kinder und Jugendliche.