Es bringt gar nichts.

Übers Abschreiben: Interview mit Plagiat-Expertin und Wikipedia-Autorin

Debora Weber-Wulff arbeitet für Wikipedia und hat sich als Professorin auf Plagiate spezialisiert. Trotzdem geben ihr Studenten abgeschriebene Hausarbeiten ab. Im Interview verrät sie, woran sie kopierte Texte erkennt und warum es nichts bringt, abgeschriebene Wikipedia-Artikel schnell zu löschen.
Sie sind Wikipedia-Autorin. Finden Sie es da nicht besonders dreist, wenn Ihnen Studenten Hausarbeiten abgeben, die von Wikipedia abgeschrieben sind?
Natürlich ist das dreist. Viele Studenten wissen nicht, dass ich da als Autorin arbeite. Ich schreibe unter einem Pseudonym. Für die Studenten bin ich die kleine alte Frau, die da vorn rumturnt. Es geht aber noch dreister: Ich habe einen Kollegen, der hat seinen eigenen Wikipedia-Artikel von einem Studenten als Arbeit eingereicht bekommen. Und der Kollege hatte den Artikel sogar unter seinem richtigen Namen eingestellt.

Wo sieht man denn in der Wikipedia, wer die Beiträge geschrieben hat?
Es gibt für jeden Beitrag eine Versionsgeschichte. Da kann man genau nachvollziehen, wer den Artikel geändert hat und wer was geschrieben hat.

Und wo sehe ich die genau?
Auf der Wikipedia-Seite steht oben rechts “Lesen”, daneben “Bearbeiten”, und daneben dann “Versionsgeschichte”.
Das letzte Mal, dass Sie eine abgeschriebene Hausarbeit entdeckt haben: Wann war das?
Letzten Winter habe ich eine Hausarbeit bekommen, die war aus der Wikipedia abgeschrieben und aus anderen Quellen. Das Besondere war: Die Links zu den abgeschriebenen Quellen standen sogar noch mit drin.

Wie überprüfen Sie Hausarbeiten auf Plagiate?
Ich überprüfe nicht pauschal jede Arbeit. Ich brauche schon einen Anfangsverdacht. Der Test ist dann ganz einfach: Ich gebe zwei bis fünf seltene Worte aus der Arbeit bei Google ein.

Und wodurch schöpfen Sie Verdacht, dass in einer Arbeit abgeschrieben wurde?
Wenn sich der Schreibtstil ändert oder die Sätze plötzlich anders aufgebaut sind. Ich werde skeptisch, wenn ein Informatiker den Konjunktiv korrekt einsetzt – was ja eher selten ist. Tut er das in der gesamten Arbeit: kein Problem. Kommt es nur in einem oder in zwei Absätzen vor, ist das merkwürdig.

Mal angenommen, jemand löscht einen Artikel aus der Wikipedia, nachdem er aus ihm oder sogar den ganzen Beitrag abgeschrieben hat. Kann das helfen, das Plagiat zu verschleiern?
Studenten versuchen das häufiger. Es bringt gar nichts: Google durchsucht die alten Versionen von Wikipedia. Außerdem gibt es eine Gruppe von Autoren, die überprüft, warum Artikel oder Absätze gelöscht wurden.

Und wenn ich den Artikel nicht lösche, sondern ändere?
Das können Sie schon machen; aber falsche Änderungen werden schnell bemerkt, und korrigiert.

Können wir das testen? Ich ändere einen Ihrer Artikel und prüfe, wie schnell er korrigiert ist.
Das finde ich nicht gut. Ich möchte nicht, dass man Änderungen vornimmt, nur um irgendetwas zu beweisen.

Gut, aber wenn ich etwas ändern würde, wer überprüft das?
Wenn Sie sich nicht anmelden, sondern anonym ändern, erscheinen die Änderungen nicht sofort. Veränderte Inhalte werden durchgeschaut - nicht inhaltlich, aber es wird geprüft, dass es kein offensichtlicher Blödsinn ist.

Wie geht Wikipedia mit möglichen Plagiaten auf der eigenen Seite um?
Das ist unglaublich anstrengend. Wir haben eine Seite, auf der Urheberrechts-Verletzungen dokumentiert werden. Es gibt eine Gruppe von Autoren, die sich auf Plagiate spezialisiert hat und verdächtige Artikel überprüft.

Sie haben Plagiatssoftware untersucht, also Programme, mit denen Universitäten Plagiate finden wollen. Was haben Sie herausgefunden?
Dass diese Programme nicht viel bringen. Sie geben zwar Hinweise, sind aber kein Beweis dafür, dass der Autor nirgendwo abgeschrieben hat. Ich habe Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit getestet: Ein Programm hat nur fünf Prozent Plagiat gemeldet – dabei finden sich auf 94 Prozent aller Seiten in Guttenbergs Arbeit Plagiate.

Aber warum kaufen sich die Universitäten dann diese Programme?
Weil sie psychologische Druckmittel brauchen. Die Studenten sollen wissen: Ihre Arbeiten werden getestet. Dabei reichen ein paar Tricks, um die Software auszutricksen. Sie stellen die Sätze nur minimal um, und das Programm erkennt die Plagiate nicht mehr.

Wie sind Sie zur Expertin von Plagiaten geworden?
Vor zehn Jahren habe ich zwölf Studentenarbeiten bekommen, die waren alle abgeschrieben. Befreundete Kollegen wollten dann wissen, wie ich das entdeckt habe. Ich habe dann einen Artikel geschrieben, den im Netz veröffentlicht: Plötzlich interessierten sich alle für meine Geschichte.

Auch Karl-Theodor zu Guttenberg hat Ihnen dieses Jahr viel Ruhm gebracht, Sie haben mit aufgedeckt, welche Teile seiner Arbeit abgeschrieben sind.
Eigentlich bin ich ihm dankbar: Dafür, dass er das Thema Plagiate so präsent gemacht hat. Nie zuvor wurde so viel darüber diskutiert.

Wurde von Ihnen schon mal abgeschrieben?
Na klar, ständig. Viele meiner Materialien sind online. Es gibt immer wieder Leute, die meine Originalarbeiten übernehmen und damit auch noch Geld verdienen.

Debora Weber-Wulff (54) ist Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sie schreibt und sichtet in der Wikipedia unter dem Psedonym “WiseWoman”, deckte die Plagiate in Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit mit auf und überprüft für das VroniPlagWiki weitere Doktorarbeiten.

Weiterführende Informationen

Plagiat - Wikipedia
Viel Wissenwertes zum Thema Plagiate. Was ist der Unterschied zwischen einem Plagiat und einem Zitat? Die Geschichte der Plagiate quer durch alle Kunstformen.
[www.wikipedia.org | 26.11.2011 | 18:35]