„Ich schlage Euch kaputt.“

Ein Gespräch über Cyber-Mobbing.

Rund 30 Prozent aller Jugendlichen fühlten sich im Internet schon einmal gemobbt. Gregor Wittmann (31) hatte als Pädagoge in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Klinik Marsberg schon mit Jugendlichen zu tun, die in Chats aufgefordert wurden, sich umzubringen – obwohl sie die Aufforderer nicht einmal kannten.
Wie unterscheidet sich Cyber-Mobbing von Mobbing auf dem Pausenhof?
Cyber-Mobbing umfasst mehrere Lebensbereiche. Wenn ich in der Schule schikaniert werde, dann kann ich nach Hause gehen oder in den Sportverein und habe meine Ruhe. Wenn ich über Internetchats oder soziale Netzwerke schikaniert werde, habe ich auch zu Hause keine Ruhe mehr.

Weil ich dort auch einen Computer habe?
Erstens das und zweitens kann im Internet jeder die Beleidigungen lesen. Wenn jemand ein peinliches Foto von Ihnen bei Facebook hochstellt und verlinkt, kann jeder Ihrer Freunde das Bild sehen – nicht nur die aus der Uni, auch die aus dem Sportverein und aus der Familie.

Ist die Hemmschwelle im Internet kleiner, jemanden zu beleidigen?
Ja, da braucht man weniger Selbstbewusstsein. Wenn ich jemandem in der Schule oder an der Uni beleidigen will, dann muss ich ihn direkt ansprechen. Ich muss mit seiner Reaktion leben – ob er rot wird oder anfängt zu weinen oder sich wehrt. Online kann ich mich in der Anonymität des Internets verstecken.

Aber das Internet ist doch nicht richtig anonym. Bei Facebook muss ich mich erst anmelden – und selbst wenn ich dort falsche Daten angeben, die IP-Adresse wird gespeichert.
Das ist richtig, das schreckt aber viele nicht ab. Manche machen sich auch einen Spaß daraus, sich in sozialen Netzwerken unter dem Namen desjenigen anzumelden, den sie ärgern wollen. In diesem Fake-Account stellen sie dann peinliche Bilder hoch, posten unangenehme Sachen.

Bei Facebook ist es aber möglich, falsche Accounts oder beleidigende Fotos zu melden.
Das stimmt, Sie müssen allerdings bei Facebook angemeldet sein.

Das bin ich. Wollen wir uns diese Funktion mal ansehen?
Die ist recht einfach zu finden: auf der Profilseite unter den Freunden links.

Und dort auf „Melden/Blockieren“ klicken?
Ja, diese Funktion ist ganz wichtig. Trotzdem nutzen sie nicht alle, die sich gemobbt fühlen. Sie haben Angst vor den Konsequenzen und wollen nicht als Petze abgestempelt werden. Außerdem wissen sie, dass das Foto sofort unter einem anderen Namen wieder hochgestellt werden könnte. Es bringt nicht viel, sich bei Facebook abzumelden, um dem Mobbing zu entgehen.

Warum?
Weil die Betroffenen wissen: Es wird wahrscheinlich weiterhin über mich gelästert im Internet. Ich lese oder sehe es nur nicht mehr.

Facebook erlaubt keinen “Gefällt mir nicht”-Button. Das ist doch eine Maßnahme gegen Cyber-Mobbing.
Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Facebook will, dass sich alle Nutzer in dem Netzwerk wohlfühlen. Aber wenn ich im Internet wirklich jemanden schikanieren will, dann brauche ich keinen „Gefällt mir nicht“-Button.

Gibt es so etwas wie typische Täter im Internet?
Häufig sind es Jugendliche, die selbst einmal Mobbingopfer waren und sich nicht anders zu helfen wissen. Mir ist ein Fall von einem Jungen bekannt, der in der Schule permanent gemobbt wurde. Übers Internet hat er sich gewehrt und in einem Chat geschrieben: „Ich schlage euch kaputt.“ Die Mitschüler haben das gelesen und an die Lehrer weitergegeben. Von denen hat jemand die Polizei vor einem Amoklauf gewarnt. Er wurde als Täter bezeichnet, dabei war er zu Beginn auch nur ein Mobbingopfer.

Verschwimmen die Grenzen zwischen Mobbing und Spaß im Internet schneller?
Ja, im Internet kann ich nicht sehen, wenn sich jemand beleidigt fühlt. Bei einer Studie gaben 30 bis 35 Prozent aller befragten Jugendlichen an, schon einmal im Internet gemobbt worden zu sein. Ich bezweifle, dass dahinter immer eine Mobbing-Absicht stand. Gleichzeitig ist die Gefahr im Internet noch viel größer, dass jemand auf die anonymen Beschimpfungen eingeht.

Was meinen Sie damit?
In einem anderen Fall wurde ein Jugendlicher im Chat gehänselt, worauf nach kurzer Zeit andere eingestiegen sind. Sie schrieben ihm irgendwann, er solle sich doch umbringen. Dabei kannten sie ihn gar nicht, sie hatten ihn noch nie gesehen.

Weiterführende Informationen

Cyber-Mobbing
Hintergründe zur Verbreitung von Unwahrheiten oder Unterstellungen ebenso wie der Veröffentlichung erniedrigender Bilder und Videos. Die Aktionen reichen mitunter von der Zerstörung von Eigentum, bis hin zu körperlicher Gewalt.