Ehjj... Sagsch mir

Ein Gespräch über Beziehungskommunikation per SMS

"Ich warte grad auf den Bus". Dass diese SMS dem Absender mehr bedeutet als nur Zeitvertreib, weiß Susanne Günthner (54). Sie ist Professorin am Germanistischen Institut der Uni Münster und untersucht seit zwei Jahren die SMS von deutschen und chinesischen Jugendlichen. Im Interview erzählt sie, welche Bedeutung SMS haben, warum sie anfällig für Missverständnisse sind und warum die Chinesen "Schluss machen" per SMS spielen ...
Frau Günthner, Sie erforschen SMS. Was verrät eine SMS über die Beziehung zwischen Sender und Empfänger?
Sehr viel. Nehmen wir zum Beispiel die Anrede. In einem "Hi Schatzi" oder "Moin Peter" zeigt sich bereits eine enge persönliche Beziehung. Und wenn es gar keine Anrede gibt, wenn man direkt in die Mitteilung einsteigt, dann ist das kein Zeichen von Unhöflichkeit, sondern oftmals ein Zeichen von Nähe. Es bedeutet: Wir können diesen rituellen Rahmen weglassen, weil wir in ständigem Kontakt stehen

Aber SMS werden hauptsächlich privat genutzt, richtig??
Der weitaus größte Teil der SMS-Kommunikation ist tatsächlich Privatkommunikation, meist sogar unter eng Vertrauten. SMS eignen sich besonders gut dafür, sich zu verabreden,Termine zu bestätigen. Oder für kurze Mitteilungen wie "Vermisse dich" oder "Bin grad in der Bibliothek". Also quasi, um in Erinnerung zu rufen: Ich stehe in enger Beziehung zu dir, ich denke an dich.

Stichwort Verabredung: Warum schreibt man sich zehnmal hin und her, um einen Termin auszumachen? Da wäre ein Telefonat doch effizienter und billiger.
Das frage ich mich manchmal auch. Ich beobachte das vor allem bei Jugendlichen. Und ich glaube, da geht es dann nicht mehr darum, dass das Medium bestimmte Vorteile hat, sondern dass es sich als Kommunikationsform für bestimmte soziale Beziehungen etabliert hat.

Schreiben sich Freunde und Liebespaare, die sich täglich sehen, deshalb so oft SMS ohne konkreten Inhalt?
Ja, wir würden hier von phatischer Kommunikation sprechen, das ist Kommunikation, die Nähe herstellt. Eine Nachricht wie "Ich warte gerade auf den Bus Nr. 8" ist inhaltlich nicht sehr relevant. Relevant ist aber: Die Person denkt an mich, und ich weiß, was sie an diesem Tag gemacht hat. Solche SMS haben also eine wichtige soziale Funktion. Liebesbotschaften per SMS dienen oft einfach dazu, sich der Beziehung zu vergewissern: "Ich denke an dich" oder "Ich liebe dich".

Wie persönlich und kreativ kann eine Liebes-SMS bei der begrenzten Zeichenzahl denn überhaupt sein?
Da gibt es einen wirklich großen Einfallsreichtum: Sprachspiele, Dialektausdrücke, erfundene Wörter. Ein Beispiel: Anna schreibt ihrem Bekannten Johannes folgende SMS, um herauszufinden, wer seine neue Freundin ist: "Ehjj... Sagsch mir jetzt ma, wer es is?? Büddddee... Oder sag wenigstens auf welcher schule sie is?!?!? LG". Durch verschiedene sprachliche Mittel - Interjektion ("Ehjj"), markierte Interpunktion ("?!?!?") - betont sie einerseits ihre enge Beziehung, macht zum anderen aber auch ihre Neugierde drängend deutlich.

SMS-Dialoge sind aber auch ziemlich anfällig für Missverständnisse, oder?
Ganz typisch ist die Situation: A schreibt eine SMS an B, und B antwortet nicht in der erwarteten Zeit. A hakt nach: "Warum meldest du dich nicht? Ich werde langsam sauer." Je enger die Beziehung ist, desto besser weiß man natürlich auch einzuschätzen, wie oft der andere aufs Handy schaut und in der Regel seine SMS beantwortet.

Missverständnisse können aber auch innerhalb einer SMS entstehen ...
Bei mündlichen Gesprächen sehen wir Mimik und Gestik unseres Gegenübers. Bei einem Telefongespräch hören wir zumindest seine Stimme. Wir können an der Art, wie er etwas betont, viel darüber erfahren, wie es gemeint ist: ob ironisch oder ernst, lustig oder verärgert. Das fällt bei der SMS-Kommunikation natürlich weg und dadurch können Missverständnisse entstehen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Johannes aus dem Beispiel oben hat Anna geantwortet: "NE NE NE! Du verplabberscht dich bloß!" Ob er damit Anna kritisieren will oder einfach das von ihr begonnene Spiel "Verrate es mir!" – "Nein, ich verrate es dir nicht" mitspielt, ist möglicherweise nicht klar erkennbar. Würde man Johannes Stimme hören, wäre es sicherlich eindeutiger.

Und wie vermeidet man Missverständnisse?
Bei heiklen Inhalten sollte man möglichst klar vermitteln, wie man etwas genau meint. Ironie oder bestimmte Gefühle kann man zum Beispiel durch das Verwenden von Emoticons oder Satzzeichen transportieren. Um Missverständnisse aufzuklären, wechseln viele dann übrigens doch das Medium und führen die Kommunikation per Telefongespräch weiter.

Sie haben für eine Studie die SMS von deutschen und chinesischen Jugendlichen untersucht. Sind Sie dabei auch auf das Phänomen "Schluss machen per SMS" gestoßen?
Ja, das gibt es tatsächlich. Bei chinesischen Paaren haben wir da was ganz spannendes entdeckt: ein gespieltes Schlussmachen per SMS. Dieses Spiel geht eigentlich immer von dem Mädchen aus: "Ich merke, du denkst kaum an mich, du hast bestimmt eine andere." Der Junge schreibt dann: "Nein, ich denke nur an dich, ich habe keine andere." Sie darauf: "Doch, ich weiß, du hast eine andere, ich mache Schluss."

Und dann ist Schluss?
Er versucht dann sie umzustimmen und bietet ihr alles Mögliche an. Zum Beispiel: "Ich kaufe dir die teuerste Nudelsuppe im Restaurant und lade dich morgen dazu ein." Sie willigt dann ein und die Beiden verabreden sich. Dieses Spiel findet sich in unseren chinesischen SMS-Daten immer wieder und läuft immer gleich ab.

Gibt es so etwas bei den deutschen Jugendlichen auch?
Bei den deutschen Jugendlichen gibt es natürlich auch kleine Spielchen, die Intimität vermitteln. Aber wenn da jemand Schluss macht, ist es in der Regel ernst gemeint.

Weiterführende Informationen

Übers Risiko und Richtigmachen
Klicksafe hat verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten im Netz zusammengestellt – zum Beispiel Chat, Instant Messenger, Soziale Netzwerke. Klicksafe vergleicht Vor- und Nachteile. Neben der Information über Risiken erfährt man auch, wie man richtig kommuniziert. Ein guter Überblick.
[www.klicksafe.de | 27.03.2012 | 11:05]