Verrohung der Sitten

Blogbeitrag von RS, 12.06.2009

Plagiate, Nachahmungen, Fälschungen und Kopien sind so alt wie die Werke, die ihr Gegenstand sind.
Die Idee, sich das Ergebnis geistigen, künstlerischen oder technischen Sachverstandes anderer zu eigen zu machen, ist eben so wenig ein Phänomen der neuen Medien wie die, dies unter Umgehung der Rechte des Schöpfers zum eigenen Gelderwerb zu nutzen.
Bedeutsam ist indes, dass das geschriebene Urheberrecht seinen geschichtlichen Ursprung[1] zu den Zeiten des Buchdruckes hat. Wurde das Recht des Schöpfers an seinem geistigen Eigentum zuvor als Naturrecht angesehen, ergab sich gerade mit der fortschreitenden technischen Entwicklung, die die Erstellung von Kopien wesentlich vereinfachte, die Notwendigkeit einer Kodifizierung. Es galt eine Grundlage zu schaffen, um die Rechte des Urhebers gegenüber Dritten geltend machen zu können. Geschichtlich gesehen machte die technische Entwicklung also die schriftliche Niederlegung von gesetzlichen Regelungen erst notwendig.

Nun wollen einzelne Gruppierungen[2], die sich jüngst auch bemühen in die Parlamente einzuziehen, die Gesellschaft davon überzeugen, dass das aus dem Naturrecht stammende und in den Zeiten der Aufklärung kodifizierte „geistige Eigentum“ überholt und dem gerade den neuen Medien inne wohnenden Gedanken der freien Wissensverbreitung entgegen stünde. Urheberechtliche Regeln behindern danach die kulturelle Entwicklung. Insofern schränke das Verbot von Kopien zu nicht kommerziellen Zwecken das natürliche Recht der Vervielfältigung ein – vom Naturrecht „geistiges Eigentum“ zum Naturrecht auf Kopieren??!!

Damit keine Missverständnisse entstehen: Das Recht jedes Einzelnen zu entscheiden, ob er das Ergebnis seines geistigen Schaffens jedermann und zudem kostenfrei zur Verfügung stellt – einschließlich der Nutzung für eigene Zwecke - ist völlig unbestritten. Aber es muss ebenso jedem überlassen bleiben, eine dahingehende Entscheidung zu treffen, diese Arbeitsergebnisse zu vermarkten und damit für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Diese Entscheidung bedarf des gesellschaftlichen und damit auch rechtlichen Schutzes. Und – um wieder die geschichtliche Parallele zu bemühen – dieser Schutz muss der technischen Entwicklung angepasst werden.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass die Durchsetzung rechtlicher Bestimmungen im Rahmen der neuen Medien schwieriger geworden ist. Die (teilweise) Anonymität des Internets – und damit die vermeintliche Reduzierung des Risikos bei einem Gesetzesverstoß erwischt und dafür belangt zu werden, hat dazu geführt, dass das Urheberrecht und damit die individuelle Entscheidung der Urheber mit Füßen getreten wird – da wird up- und downgeloaded bis die Leitungen glühen. Aktuelle Studien[3] führen zu dem Ergebnis, dass im Ausmaß, nach Regionen unterschiedlich, der Hauptanteil des Internettraffics für den Transport das Urheberrecht verletzender Inhalte verursacht wird. Dies durch eine Änderung des Urheberrechtes in legalen Traffic zu verwandeln hieße, vor der technischen Entwicklung zu kapitulieren und sich vom Begriff des „geistigen Eigentums“ zu verabschieden.

Die Möglichkeit im Netz in gewissen Grenzen anonym zu bleiben, hat indes ein weiteres Phänomen verursacht. Es ist eine Tendenz zu beobachten, seine Meinung nur noch anonym, allenfalls unter Verwendung eines Pseudonyms, neudeutsch: Nickname, zu veröffentlichen. Die Bereitschaft die inhaltliche Verantwortung für seine eigenen Werke zu übernehmen und sich als deren Urheber zu erkennen zu geben, ist offensichtlich rückläufig.
Zur Lösung der beschriebenen Problemstellungen sind einerseits intelligente und innovative Anpassung rechtlicher Regelungen und der ihnen innewohnende Grundüberlegungen und andererseits auch eine gesellschaftliche Diskussion über die Grundregeln eines vernünftigen Zusammenlebens oberhalb des Niveaus von Stammtischen und eingängigen Werbeslogans im Zeitalter des Internets erforderlich – leider findet dies in meiner Wahrnehmung nur im Ausnahmefall statt.

Quellen

[1] Geschichte des Urheberrechts
Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) fasst der Artikel von Robert A. Gehring die Geschichte des Urheberrechts zusammen.
[www.bpb.de | 28.02.2012 | 10:44]
[2] Piratenpartei
Parteiprogramm der Piratenpartei Deutschland zum Urheberrecht.
[web.piratenpartei.de | 28.02.2011 | 10:49]
[3] Internet Studien
Aktuelle Studien zur Nutzung des Internets liefert die englischsprachige Seite des Unternehmens ipoque.
[www.ipoque.com | 28.02.2012 | 10:54]
Hintergrund: Anti Piracy - Exzessive Lizenznutzung in Unternehmen
Nicht nur das Raubkopieren im großen Stil, sondern auch scheinbar salonfähige Formen des Softwaremissbrauchs richten großen Schaden an. 40 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland sind unsicher, ob ihre Software legal ist.