Kurz und knapp

Blogbeitrag von RS, 06.04.2009

"Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich einen kürzeren Brief geschrieben." Die Herkunft dieses Zitates ist unbestimmt, es wird so oder ähnlich Cicero ebenso zugeschrieben, wie Goethe.
Es bringt jedoch die Problemstellung moderner Kommunikationsmedien auf den Punkt: Der Platz, der für die Übermittlung einer Nachricht zur Verfügung steht, ist begrenzt. Daher steht, dem Zitat folgend, die sprachliche Qualität moderner Kommunikation auf einem hohen Niveau?
Das Gegenteil ist der Fall: Wer einmal E-Mail- oder SMS-Kommunikation mit Blick auf Rechtschreibung oder Wortwahl betrachtet, dem wird, auch ohne Germanist zu sein, Angst und Bange um die Sprache. Die Ursache für diese Entwicklung ist einfach – auch hierfür liefert das Eingangszitat eine Erklärung: Sich kurz zu fassen, benötigt zum Erreichen des gleichen Qualitätsstandards wesentlich mehr Zeit, als das Verfassen eines langen Textes. Dies steht mit der Zielsetzung elektronischer Kommunikation, die Möglichkeit schnellen Informationsaustausches zu schaffen, im diametralen Gegensatz.

Wo liegt nun der Bezug dieser Überlegungen zur Rubrik "rechtlich nachgehakt"? Sie bieten Anlass, sich mit dem Begriff des "Werkes" im Sinne des Urheberrechtes am Beispiel des Schriftwerkes auseinander zu setzen – also dem Schutzgegenstand urheberrechtlicher Vorschriften.

Nach § 2 Abs. 2 UrhG sind "Werke im Sinne dieses Gesetzes …nur persönliche geistige Schöpfungen". Nach der Rechtsprechung ist hierunter das Ergebnis individuellen geistigen Schaffens zu verstehen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zunächst, dass der geistige Inhalt des Schaffens nach außen erkennbar in Erscheinung getreten sein muss – im Falle des Textes also niedergeschrieben wurde: Ideen sind nicht geschützt. Das wohl wichtigste Merkmal ist die Gestaltungshöhe oder auch schöpferische Eigentümlichkeit dessen, was geschaffen wurde. Die Eigentümlichkeit wird durch einen Vergleich mit dem beurteilt, was in dem jeweiligen Bereich der Formgebung – vorliegend also dem niedergeschriebenen Text – bereits vorhanden ist. Nur wenn dabei Eigenheiten festzustellen sind, kommt ein urheberrechtlicher Schutz überhaupt in Betracht. An die Eigenheiten selbst indes sind keine zu großen Anforderungen zu stellen, es gilt der Grundsatz der "kleinen Münze". Nach der Rechtsprechung wird insbesondere im Bereich des literarischen Schaffens bereits Werken, denen nur ein geringer Grad individuellen Schaffens und damit eine geringe Gestaltungshöhe zukommen, also z.B. Gebrauchsanweisungen, Katalogen oder Formularen, urheberrechtlicher Schutz zugesprochen.

Selbst in Anwendung der Grundsätze der Rechtsprechung fehlt es einerseits manchem, was da so Tag für Tag per SMS oder E-Mail auf die Reise geschickt wird, die für die Zuerkennung des Begriffes "Werkes" im Sinne des Urheberrechtes die erforderliche Gestaltungshöhe. Andererseits kann allein aus dem Umfang eines Textes nicht darauf geschlossen werden, dass diesem ein urheberrechtlicher Schutz nicht zukommt. Gerade die Prägnanz der Darstellung kann Ausdruck der geistigen Schöpfung sein – vgl. das Eingangszitat.
Und so mag denn dieser Text enden, wie er begonnen hat: Mit einem Zitat. In diesem Falle ist sogar die Quelle verbürgt: Mark Twain."Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen."[1]

Quellen

[1] Mark-Twain-Zitate
[www.zitate-online.de | 13.03.2012 | 12:54]